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Helgoland

Helgoland by admin_helgoland

N54° 10' 19'' E7° 53'34'' Die Seenotretter von Helgoland

Helgoland. Der Sommer ist kurz, der Herbst beginnt früh und die Sturmtage sind zahlreich. Ein besonderes Stückchen Deutschland, fern ab dem Rest der Republik. Gelegen inmitten der Nordsee, einem der für die Schifffahrt und für Seeleute herausforderndsten Meere der Welt. Helgoland ist nicht nur Deutschlands einzige Hochseeinsel, sondern auch Standort einer der ältesten Rettungsstationen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

Kaum zwei Quadratkilometer groß beträgt die Entfernung zur Nordseeküste Deutschlands fast 40 Seemeilen (ungefähr 70 Kilometer). Die Insel wird umschlossen von der Deutschen Bucht, einem Teil der Nordsee, der das ganze Jahr über von den größten Container- und Massengutschiffen der Welt befahren wird, wenn sie die Seehäfen in Wilhelmshaven, Bremerhaven und Hamburg anlaufen.

Dazu kommen zahlreiche kleinere Frachtschiffe, die auf dem Weg zum oder aus dem Nord-Ostsee-Kanal unterwegs sind, sowie Ausflugsschiffe und hunderte Sportschiffe, die das Revier vor allem in den Sommermonaten nutzen.

Die Mündungen von Jade, Weser und Elbe bilden eines der am meistfrequentierten Seegebiete weltweit. Und mittendrin, immer in Bereitschaft – die Seenotretter der DGzRS.

Die Insel selbst liegt weit draußen auf hoher See im Norden der großen Seefahrtwege und beheimatet mehr als 1300 Menschen (31. Dez. 2014, Statistikamt Nord). Dabei ist Helgoland nicht nur eine Insel, sondern eine Gemeinde, die zum Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein gehört und seit dem Jahr 1721 sogar aus zwei Inseln besteht.

Eine einst geschlossene große Insel zerbrach im Zuge einer Sturmflut und Helgoland entstand in seiner heutigen Form. Da sind zum einen die Hauptinsel, die von den Insulanern auch liebevoll das „Festland“ genannt wird, sowie eine kleinere vorgelagerte Insel. Die Düne.

Und das Seegebiet verändert sich. Nördlich vom „Festland“ entstanden in den vergangenen Jahren riesige Offshore-Windparks. Für Wartungs- und Errichterarbeiten, bei denen die riesigen Windenergieanlagen auf See installiert werden, starten jeden Tag hunderte Arbeiter von Helgoland.

Südlich gelegen befinden sich zahlreiche Reede-Gebiete (seemännisch für Ankerplatz). Zu Spitzenzeiten, sei es wenn an Feiertagen an Land kaum gearbeitet wird oder wenn die Liegeplätze in den großen Seehäfen belegt sind, ankern die Ozeanriesen dicht an dicht.


Helgoland neuDas ist Helgoland
Position
N54° 10′ 19” E7° 53′ 34”’
Größe 1km² (Helgoland) / 0,7km² (Düne)
Höhe ca. 60m
Einwohner ca. 1300
Gästebetten mehr als 2000


Nicht nur im Herbst oder Winter, wenn der Blanke Hans (so bezeichnen die Insulaner und Küstenbewohner die tobende Nordsee bei schweren Stürmen und bei Orkan) über die Nordsee fegt, sind die Wetterbedingungen rund um Helgoland besonders. Binnen Minuten können die Verhältnisse umschlagen: von Sonne zu Nebel, von windig zu stürmisch. Dann türmen sich die Wellen meterhoch auf und Ozeanriesen können dann zum Spielball der Natur werden. Für die Schifffahrt bergen derart wechselhafte Bedingungen deshalb große seemännische Herausforderungen.

Durch die geografisch abgelegene Lage und die große Entfernung zum Festland ist das Leben für die Insulaner oft entbehrungsreich und nicht immer leicht. Jedes Packet Kaffee, jede Flasche Wasser und jeder Nagel muss mit dem Versorgungsschiff gebracht werden. Es gibt keine Landwirtschaft. Durch das raue Klima können so gut wie keine Lebensmittel auf der Insel angebaut werden.

Durch die Verkehrsdichte und das raue Klima in der Deutschen Bucht und dem Seegebiet rund um Helgoland ergeben sich eine Vielzahl möglicher Gefahren. Unglücke wie das der Pallas, ein Frachtschiff, das im Herbst 1998 in der Nordsee havarierte und auf Grund lief, zeigen, wie schnell eine bedrohliche Situation entstehen kann. Das fast 150 Meter lange Frachtschiff brannte komplett aus. Tonnenweise Öl lief damals in die Nordsee und tausende Seevögel starben.

Umso wichtiger, dass die Seenotretter der DGzRS in ständiger Bereitschaft sind und im Notfall eingreifen können. Egal was passiert.


Eine Institution

Die Seenotretter von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger sind permanent auf Helgoland vor Ort. Im dichten Netz der Rettungsstationen an den Küsten an Nord- und Ostsee kommt der Station auf dem „roten Felsen“ eine besondere Bedeutung zu. Mit der Hermann Marwede* ist im Regelfall der größte deutsche Rettungskreuzer auf Helgoland stationiert.

Das 46 Meter lange Flaggschiff der DGzRS wurde an der Unterweser gebaut und im Jahr 2003 in Dienst gestellt. Benannt nach einem Bremer Unternehmer und Förderer der DGzRS ist der Rettungskreuzer das ganze Jahr über in der Deutschen Bucht im Einsatz.

Zu bestimmten Zeiten muss auch die Hermann Marwede ihre Station auf Helgoland verlassen, beispielsweise um am Festland zu bunkern (seemännisch für „Proviant aufnehmen“). Auch kommen die Schiffe der DGzRS in regelmäßigen Abständen auf die Werft ins Dock und werden gewartet.

Doch ist die Station weit draußen in der Deutschen Bucht niemals unbesetzt. Ist die Hermann Marwede nicht einsatzbereit, ersetzt schon mal die Harro Koebke, ein nur unbedeutend kleinerer Rettungskreuzer, den 46 Meter langen Seenotrettungskreuzer. Dann ist auch Mathias Everartz, Maschinist auf der Harro Koebke in der Deutschen Bucht im Einsatz.

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Im Notfall liefern die Motoren eines Seenotrettungskreuzers Höchstleistungen ab. Dann herrscht ein ohrenbetäubender Lärm im Maschinenraum. Turbinen rasen und übertragen ihre massive Kraft auf die Antriebswellen, die im Zusammenspiel mit den Propellern für maximalen Vorschub sorgen.

Alle Schiffe der DGzRS sind High-Tech-Kraftprotze, auf dem neuesten Stand der Technik. Sie werden direkt auf die besonderen Ansprüche hin, in denen sie später eingesetzt werden, entwickelt. Dabei finanziert sich die gemeinnützige Organisation komplett aus Spenden, nicht etwa durch Steuern oder staatliche Zuschüsse.

 Der Seenotrettungskreuzer „Hermann Marwede“ ist nach einem Bremer Kaufmann benannt. Marwede war Direktor einer großen Bier-Brauerei, die ihre grünen Flaschen seit fast 250 Jahren in die ganze Welt exportiert. Der honorige Handelstreibende war Mitglied verschiedener Aufsichtsräte in der Hansestadt und Mitglied im Plenum der altehrwürdigen Bremer Handelskammer. Der Bau des Rettungskreuzers wurde mit hohen  Spendenmitteln der Familie Marwede unterstützt.

Schon im Jahr 1892 wurde das erste Rettungsboot der DGzRS auf Helgoland stationiert. Die Seenotretter vom „roten Felsen“ durchlebten seitdem eine wechselvolle Geschichte. Neben zahlreichen erfolgreichen Einsätzen gehört auch eine der größten Tragödien in der Historie der gemeinnützigen Organisation dazu. Im Februar 1967 ereignete sich ein schweres Unglück in der Deutschen Bucht.

Ein Orkan wütete in der Deutschen Bucht. Der Wind trug die Schaumkronen von den Wellen. Die aufgetürmte See schlug ein ums andere Mal über Wellenbrecher der Hafenmole. In den Spitzen jaulte der Wind mit Geschwindigkeiten weit über 100 Stundenkilometer über das Meer und die Wellen gingen mehrere Meter hoch. Plötzlich, durch die gespenstische Nacht hindurch, schallte über Funk ein Notruf: „Mayday!“. Sofort stach der damals auf Helgoland stationierte Rettungskreuzer Adolph Bermpohl in See.

Der Rettungskreuzer arbeitete sich Meile um Meile durch die aufgewühlte See. Die Wellen schlugen über Deck. Ohrenbetäubend das Knallen, wenn der Rumpf hoch aus der Luft in die tiefen Wellentäler krachte.

Trotz der widrigen Verhältnisse gelang es den Rettern zunächst, die drei niederländischen Fischer, die den Notruf abgesendet hatten, an Bord zu nehmen. Die Mannen der DGzRS machten sich auf den Weg zurück in Richtung Helgoland.

Doch schon kurze Zeit später wurde die Adolph Bermpohl selbst zum Spielball der Elemente. Was danach in der Sturmnacht genau geschah, wird bis zum heutigen Tag nur vermutet. Experten gehen davon aus, dass sich in direkter Nähe des Kreuzers ein Kaventsmann (Seefahrtssprache für „außergewöhnlich hohe Welle“) auftat, der das Schiff packte und umriss. Vier Seenotretter und die drei niederländischen Fischer blieben in der Orkannacht auf See.


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Fakten zur DGzRS
Flotte
20 Seenotrettungskreuzer / 40 Seenotrettungsboote
Crew 180 Festangestellte / 800 Freiwillige
Seenotfälle 2015 538 Gerettete / 2091 Einsätze
Finanzen 38,6 Mio. Euro Aufwand (2014) / 0 Euro bezogene Steuergelder


Bordleben

Ein brennendes Frachtschiff auf hoher See, ein medizinischer Notfall an Bord eines Seglers oder eine Familie, die beim Wattwandern von der plötzlichen Flut überrascht wird – das Aufgabenspektrum der Seenotretter ist so vielfältig wie die Einsatzgebiete, in denen sie unterwegs sind. Jedes Jahr retten sie hunderte Menschen aus Seenot oder vor Gefahren, geben technische Hilfeleistungen oder sind auf Kontrollfahrten vor den Küsten unterwegs.

Den typischen Tag eines Seenotretters gibt es weder auf Helgoland noch auf einer der anderen Rettungsstationen. Kein Tag gleicht dem vorherigen. Und bei weitem nicht jeder Tag hält auch einen Einsatz für die Frauen und Männer der DGzRS bereit.

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Das Leben an Bord ist geprägt von langen Wartezeiten und von der Enge des Schiffes. Die Besatzung kann sich nicht aus dem Weg gehen. Es wird zusammen gegessen, gearbeitet und gewartet.

Eine Schicht dauert für die Besatzung des Rettungskreuzers auf Helgoland 14 Tage – 24 Stunden in Bereitschaft. Danach übernimmt eine andere Crew für zwei Wochen. Die Zeit zwischen den Einsätzen nutzen die Retter zum Instandhalten des Materials, für Reparaturarbeiten am Schiff oder für Test- und Kontrollfahrten in der Deutschen Bucht. Immer in Anspannung, immer in Bereitschaft und immer in der Erwartung, dass im nächsten Moment der Alarm losgehen könnte. Dann zählt jede Minute.

Im Ernstfall alarmiert die Rettungsleitstelle See, das MRCC – Maritime Rescue Co-ordination Centre der DGzRS mit Sitz in Bremen, die Seenotretter. Binnen weniger Minuten ist die Crew auf Helgoland dann bereit zum Auslaufen.

Für die Besatzung bedeutet die Fahrt hinaus auf See nicht selten eine Fahrt ins Ungewisse. Denn oft ist nur die grobe Notlage bekannt. Die genaue Situation mit all ihren Herausforderungen und vielleicht auch Gefahren sehen sie erst vor Ort.

Text, Film, Fotos, Ton – Soenke Schierer
(*Die Reportage entstand an Bord der „Harro Koebke“, die zum Zeitpunkt der Entstehung vor Helgoland eingesetzt wurde. Die „Hermann Marwede“ befand sich zu Wartungsarbeiten auf einer Werft. )

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